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Für pflegende Angehörige

Wer für andere da ist, darf auch für sich selbst sorgen

Lesezeit: ca. 6 Minuten · Recherche: 20. September 2026

Eine internationale Untersuchung zeigt, wie häufig pflegende Angehörige ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen. Achtsamkeit kann helfen, sich selbst wieder wahrzunehmen – verbunden mit Gesprächen und spürbarer Entlastung im Alltag.

Manchmal beginnt der Tag schon mit einer Liste im Kopf: Medikamente, Frühstück, Arzttermin, Einkaufen. Dazwischen klingelt das Telefon. Ein vertrauter Mensch braucht Hilfe, Zuspruch oder einfach Gesellschaft. Wer Angehörige begleitet, übernimmt vieles selbstverständlich. Für die Frage „Wie geht es eigentlich mir?“ bleibt dabei oft wenig Raum.

Vielleicht kennen Sie diesen Gedanken: „Solange es meinem Mann, meiner Mutter oder meinem Vater schlechter geht, darf ich mich doch nicht beklagen.“ Dabei können Zuneigung und Erschöpfung gleichzeitig da sein. Auch wer gerne unterstützt, braucht Unterstützung.

Was die aktuelle Untersuchung zeigt

Ein Forschungsteam der Universitäten Sydney und Queensland wertete 29 Studien mit insgesamt 81.167 pflegenden Angehörigen aus. Die Untersuchungen stammten aus Großbritannien und weiteren europäischen Ländern, den USA, Kanada und Australien. Im Mittelpunkt standen Angehörige von Menschen mit chronischen körperlichen Erkrankungen, häufig Krebs.

Ein wiederkehrendes Ergebnis: Viele wünschen sich psychologische Unterstützung, nehmen sie jedoch nicht in Anspruch. In der Auswertung äußerte etwa ein Drittel Interesse an Beratung, während weniger als ein Sechstel diese genutzt hatte. Eigene Bedürfnisse wurden häufig hinter denen der erkrankten Person eingeordnet. Die Ergebnisse beschreiben unterschiedliche Gruppen und Versorgungssysteme; sie sind keine einheitliche Quote für Deutschland. Informationen des Wissenschaftsverlags zur Untersuchung

Für uns liegt darin eine wichtige Aufforderung: Wir müssen Angehörige auch als Menschen mit eigenen Sorgen, Grenzen und Wünschen sehen.

Achtsamkeit beginnt mit dem Wahrnehmen

Achtsamkeit bedeutet, dem gegenwärtigen Erleben Aufmerksamkeit zu schenken: den Gedanken, Gefühlen, Körperempfindungen und dem, was gerade um uns herum geschieht. Möglichst freundlich und ohne sofort ein Urteil daraus zu machen.

Aus „Ich bin schon wieder so ungeduldig“ kann zunächst werden: „Ich merke, dass ich angespannt bin.“ Damit verschwindet die schwierige Situation nicht. Aber vielleicht entsteht ein kleiner Moment, in dem Sie entscheiden können, was Sie jetzt brauchen.

Die australische Untersuchung hat keine Achtsamkeitsübungen getestet. Dafür gibt es eigene Forschung: In einer randomisierten Studie mit 78 Angehörigen von Menschen mit Demenz zeigte ein achtwöchiges Achtsamkeitsprogramm bei Stress und depressiven Beschwerden Vorteile gegenüber einem Bildungs- und Unterstützungsprogramm. Bei anderen Ergebnissen, darunter der empfundenen Pflegebelastung, waren beide Angebote ähnlich wirksam. Daraus lässt sich kein Wirkversprechen für einzelne kurze Übungen ableiten. Whitebird und Kolleginnen und Kollegen

Ein ruhiger Atemzug als Anfang

Illustration zweier Gesichtsprofile mit symbolisiertem Atemfluss
Den Atem sanft wahrnehmen, ohne etwas zu erzwingen.

Sie brauchen für einen ersten Versuch keinen besonderen Raum. Wählen Sie einen Moment, in dem die Versorgung Ihres Angehörigen gesichert ist.

Setzen Sie sich bequem hin und spüren Sie beide Füße auf dem Boden. Lassen Sie den Atem in einem angenehmen Rhythmus kommen und gehen. Sie müssen weder besonders tief einatmen noch die Luft anhalten. Vielleicht bemerken Sie die Bewegung des Brustkorbs oder des Bauches.

Bleiben Sie für einige Atemzüge dabei. Wenn Gedanken auftauchen, nehmen Sie das wahr und kehren freundlich zum Atem zurück. Sanfte Atemübungen werden auch vom britischen Gesundheitsdienst NHS zur Stressbewältigung empfohlen. Bei Schwindel oder Unwohlsein beenden Sie die Übung. NHS: Atemübungen bei Stress

Body Scan: Den eigenen Körper wieder bemerken

Im Pflegealltag richtet sich die Aufmerksamkeit oft auf den Körper eines anderen Menschen. Ein Body Scan lädt dazu ein, auch den eigenen wahrzunehmen.

Beginnen Sie bei den Füßen. Spüren Sie Wärme, Kühle, Druck oder den Kontakt zum Boden? Wandern Sie mit der Aufmerksamkeit langsam zu den Beinen, zum Rücken, zu Schultern, Händen und Gesicht. Zwei oder drei Minuten können für einen ersten Versuch genügen.

Es muss sich nichts Besonderes einstellen. Vielleicht entdecken Sie einen angespannten Kiefer oder hochgezogene Schultern. Vielleicht spüren Sie wenig. Beides darf sein.

So wird die Verbindung zwischen Körper und innerem Erleben konkreter: „Wenn ich mir Sorgen mache, halte ich die Schultern fest.“ Daraus kann eine praktische Reaktion entstehen – die Sitzposition verändern, etwas trinken oder eine Pause verabreden. Der Body Scan ist auch Bestandteil angeleiteter Meditationen des NHS. NHS: Meditation und Körperwahrnehmung

Meditation ohne Leistungsdruck

Ein älterer Mann sitzt mit geschlossenen Augen und aneinandergelegten Händen im Grünen
Ein Moment der Ruhe darf ganz persönlich aussehen.

Meditation muss keine weitere Aufgabe werden, die Sie richtig erledigen sollen. Ein Anfang kann sein, zwei Minuten still zu sitzen und Geräusche, Atem oder Bodenkontakt wahrzunehmen.

Wenn Sie gedanklich beim nächsten Termin landen, haben Sie nichts falsch gemacht. Das Bemerken und Zurückkehren gehört zur Übung. Ziel ist kein leerer Kopf. Vielleicht ist der freundlichste Satz an diesem Tag: „Für diesen Moment muss ich nichts zusätzlich leisten.“

Auch ein bewusst getrunkener Tee oder einige aufmerksame Schritte im Garten können kleine Gelegenheiten sein, wieder im gegenwärtigen Moment anzukommen. NHS: Achtsamkeit im Alltag

Tiefes Zuhören: Raum geben, bevor wir Lösungen suchen

Schwarzweißfoto: Ein Mann mit Stethoskop legt einem älteren Mann behutsam die Hand auf die Schulter
Zuwendung kann damit beginnen, einfach da zu sein. Symbolbild.

Angehörige hören häufig Ratschläge. Manchmal wünschen sie sich zunächst jemanden, der wirklich zuhört.

Eine Anregung für ein Gespräch mit einem vertrauten Menschen: Vereinbaren Sie fünf Minuten, in denen eine Person erzählen darf. Die andere unterbricht möglichst wenig, legt das Telefon beiseite und versucht, nicht sofort zu erklären oder zu lösen.

Anschließend kann sie fragen: „Habe ich Sie richtig verstanden, dass Sie vor allem die ständige Verantwortung erschöpft?“ Oder: „Möchten Sie, dass ich weiter zuhöre, oder sollen wir gemeinsam nach einer Hilfe suchen?“

Dieses Gespräch ist keine Therapie. Es ist eine Möglichkeit, Interesse und Verbundenheit auszudrücken. Auch pflegende Angehörige dürfen dabei diejenigen sein, denen zugehört wird.

Nicht bewerten heißt auch: Grenzen ernst nehmen

Traurigkeit, Ärger und Schuldgefühle passen manchmal schwer zu dem Bild, das wir von uns selbst haben. Sie wahrzunehmen bedeutet nicht, jedes Verhalten gutzuheißen. Es ermöglicht, genauer hinzusehen: Bin ich müde? Fühle ich mich allein? Welche Aufgabe kann jemand übernehmen?

Achtsamkeit sollte dabei freiwillig bleiben. Wenn stille Übungen Unruhe oder belastende Erinnerungen verstärken, dürfen Sie aufhören, die Augen öffnen und sich im Raum orientieren. Nicht jede Methode passt zu jedem Menschen. Bei anhaltender Überforderung, Angst oder Niedergeschlagenheit ist fachliche Unterstützung sinnvoll. NCCIH: Nutzen und Grenzen von Meditation

Entlastung braucht auch andere Menschen

Illustration: Ein älteres Paar sitzt auf einem Sofa, während eine Person eine Einkaufstasche bringt
Praktische Unterstützung schafft Raum für eigene Bedürfnisse.

Eine Atemübung übernimmt keinen Einkauf und schafft keine freie Nacht. Deshalb gehören persönliche Übungen und praktische Hilfe zusammen.

Vielleicht besteht Ihr nächster Schritt darin, eine Aufgabe abzugeben, einen Beratungstermin zu vereinbaren oder ausdrücklich um Gesellschaft zu bitten. Sie müssen dafür nicht erst völlig erschöpft sein.

Bei 4your.Care möchten wir gemeinsam mit Ihnen herausfinden, welche Betreuung, Begleitung oder Beratung Ihren Alltag erleichtern kann. Achtsamkeit bedeutet für uns auch, aufmerksam zuzuhören und Ihre Grenzen ernst zu nehmen.

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